kitchen - pRESSESTIMMEN
RAUSCH UND KATER IN DER KÜCHE
Zwei Mal gibt Anna Holter mit Andy-Warhol-Perücke aus dem Publikum Regieanweisungen: Schließlich leiht sich ihr neues Tanztheater „Kitchen“ den Titel und die Situation von Andy Warhols Film, mit dem er 1965 das Model Edie Sedgwick zur Queen seiner New Yorker Silver-Factory machen wollte. Sechs Personen suchen in einer schäbigen Küche nach dem Kick der wilden Sixties, verlieren sich zwischen Ekstase und Apathie, Rausch und Kater, Liebessuche und Egozentrik. Holter choreografiert geschmeidige Spannung und dynamische Kontraste. Brilliant die Tänzer: Izabela Szostak als bekiffte Edie, Vivien Holm mit einem Hysterie-Solo an Kopfsalat. Greulix Schrank bringt Gläser und anderes zum Klingen, am Küchentisch führt Thomas Maucher hinreißend komisch das Pärchen Linda Samaraweerová und Darwin Diaz als Marionetten beim Kaffeekochen. Atmosphärisch und physisch ein starkes Tanztheater-Stück.
17./18.1. II MÜNCHNER ABENDZEITUNG II Gabriella Lorenz
WAHRHOLS FILM „KITCHEN“ ALS TANZ
Echte und Möchtegern-Stars trafen sich in der legendären New-Yorker Silver-Factory von Pop-Art-Ikone Andy Warhol und spielten nur zu gerne in seinen Filmen mit. Von Warhols Film „Kitchen“ (1965) ließ sich jetzt die schwedische Wahl-Münchnerin Anna Holter zu einem Tanzstück inspirieren. Mit hellblonder Warhol-Perücke sitzt sie im Parkett, als Quasi-Filmer, während ihre fünf Tänzer zwischen Herd, Tisch, Kühlschrank und Spüle eine Wohngemeinschaft der 60er Jahre vorspielen. Die damals am WG-Küchentisch entworfenen gesellschaftlichen Utopien wären Anreiz für einen choreographischen Theatermacher wie Hans Kresnik gewesen. Holter beschränkt sich im Schwere Reiter auf die Eitelkeiten, Klüngeleien und Machtspielchen innerhalb der WG, aber das mit kontaktreicher, dezent ironiegefärbter Körpersprache. Ihre in Duetten wie auch in eng geschlossenen Pulks weich und leicht fließenden Bewegungen gleiten in einem Dauerstrom von elektronischen und Live-Klang Rhythmen auch immer wieder hinüber in rein abstrakten Tanz. Ein (...) liebevoll-professioneller Abend.
17./18.1. II MÜNCHNER MERKUR II Malve Gradinger
DIE KÜCHENROLLE
Anna Holter choreographiert „Kitchen“ im Schwere Reiter
(...) Anna Holter gibt Andy, sagt einmal „action!“ und ein andermal „continue!“. Fünf Tänzerinnen und Tänzer schütteln auf einem sehr geräumigen mit Küchenmöbeln dekoriertem Bühnencarré zu einer ekstatischen Percussion-Nummer ihre Körper wie die aufgezogenen Trommeläffchen. Nur der Musiker unter ihnen klappert mit zwei Hölzern seinen eigenen Takt auf einem Backofen. Sein Einsatz ist gewiss der einfallsreichste von allen, wie er Eissalat hackend, den Rhythmus vorgibt, mit einer Stimmgabel das Küchenmesser zum Klingen und (...) Gläser zum Singen bringt. Aber weil sich hier junge Tänzerinnen und Tänzer in Kontaktimprovisationen aneinander abarbeiten, in sinnlicher Beißlust sexuell motivierte Attacken von Anthropophagie ausleben, (...) hätte Anna Holter besser eine andere Referenz angegeben (...) Sascha Waltz winkt von ganz fern (...) Warum also Warhol, wenn sich doch alles sträubt?
20.1. II SÜDDEUTSCHE ZEITUNG II Eva- Elisabeth Fischer